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BEMERKUNGEN ZU NEUEN ROSENZÜCHTUNGEN

 

Marie Henriette Gräfin Chotek
in Rosenzeitung 1923, S. 50

 
   
 1. Weisse Tausendschön  

 In den Preis und Sortenverzeichnissen der letzten Jahre begegnet man fast überall der 'Weißen Tausendschön', dabei glänzt als Züchter allenthalben "Paul and Son 1913".

Wenn ich das lese, steigt jedesmal Unmut und Trauer in meinem Herzen auf, denn ein anderer verdient, dort zu stehen; das wertlose Zeug, das diese 'Weiße Tausendschön' bedeutet, trägt den schönen Namen nicht mit Fug und Recht.
Die englische Züchtung ist nichts weniger als weiß; jeder, der sie besitzt, kann bestätigen, daß sie voll fahler rosa Flecken und ganz unschön ist.
Der Ruhm, eine wirklich weiße Tausendschön gezüchtet zu haben, gebührt keineswegs einem Engländer, sondern einem Deutschen, und zwar unserem hochverdienten lieben Meister Hermann KieseVieselbach, der sie viel früher als der Engländer, nämlich schon 1910, und wirklich in prachtvoller, tadelloser Weiße gezüchtet hat. Ich erhielt im Jahre 1911 zwei Pflanzen von ihm, deren eine, als Schlingrose hochgezogen, mich jedes Jahr erfreut. Die andere, frei alleinstehend, auf eine Wiese meines Rosars gepflanzt, mit ihren weitausladenden schneeigen Ranken einem Riesenbrautstrauß gleichend, ist alljährlich das Entzücken meiner Besucher.

 
 Alle wirklich großen Menschen sind bescheiden. So ist unser erfolgreicher deutscher Züchter, unser Kiese, in seiner tiefen Bescheidenheit, wie es scheint, mit seiner wertvollen Züchtung niemals an die Öffentlichkeit getreten. Ich vermute, daß er, da er der Welt doch stets so viel Schönes, Neues zu schenken hatte, dieses entzückende, seinen Freunden schon einige Jahre bekannt gewesene Rosenkind noch nicht in den Handel gebracht hatte, als der Engländer mit seiner zweifelhaften Schönen auf dem Markt erschien.  
 Da trat dann der liebe Bescheidene still zurück, und die wahre Tausendschön schlief ein und schläft auch heute noch den Dornröschenschlaf. Sie daraus zu erwecken, das soll der Zweck dieser Zeilen sein. Hoffentlich gelingt es, die falsche Prinzessin von ihrem angemaßten Thron zu stoßen und unserer richtigen deutschen Prinzessin den Platz zu erobern, der ihr gebührt. Es gilt, unserem lieben, nun zu unserem Schmerz so kranken Altmeister ein neues Ruhmesblatt in seinen Züchterkranz zu flechten, mir und vielen zur Genugtuung und Freude!  
 Ich bitte hiermit alle deutschen Rosenschulen, sich Reiser von Kieses 'Weißer Tausendschön' zu verschaffen, um diese tüchtig zu vermehren und zu verbreiten.'Laßt uns dabei den Herrn bitten, daß er den teueren Mann, dem wir auch dieses neue, dem deutschen Züchterfleiß Ehre machende Geschenk verdanken, in neuer Gesundheit und Kraft uns noch lange erhalten möge!  
 Das Jahr 1926 brachte ihr endlich die Erfüllung eines langgehegten Wunsches. Sie konnte die erste Rosenzüchtung aus Geschwind's Nachlaß in den Handel bringen (RZ 1926, 73).  
   
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