Seiten 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8

ARTICLES

GRÄFIN MARIE HENRIETTE CHOTEK
UND IHR ROSAR

 

Dr. Gustav Brada, Sofia,
in der Rosenzeliiing 1921

 
   
 Bald nach meinem Antritt in der Zuckerfabrik ist in der kleinen Beamtenkolonie bekannt gewesen, daß ich ein Rosenliebhaber bin. Eines Tages lernte ich die Frau eines Beamten kennen, die aus Türmau (slovakisch Trnavca) stammte, und diese erzählte mir, daß dort in der Nähe, im Dorfe Unter-Korompa (slovakisch Dolna Krupa), eine Dame, Gräfin Chotek, wohne, die ein ganzes Feld den Rosen gewidmet hätte, und daß es mir sicher gelingen würde, den Garten zu besichtigen, da die Gutherzigkeit der Gräfin in Türmau berühmt sei. Ich notierte mir die Adresse und dachte daran, sobald wie möglich mir die Erlaubnis zur Besichtigung des "Rosenfeldes" zu erwirken. Dies war im Jahre 1915. Nicht lange nach diesem Gespräch kam die Türmauer Dame mit der Neuigkeit, daß die Frau Gräfin Chotek als Krankenschwester im Türmauer Spital eingerückt sei, daher die Möglichkeit des Besuches sehr zweifelhaft wäre. Zu dieser Zeit erhielt ich das Rosenbuch von Olbrich, in dem einigemal das Rosar von UnterKorompa rühmend erwähnt wird, zumal der botanischen Rosen, wo Herr Olbrich mir das Geheimnis verriet, daß alle Geschwind'schen Züchtungen, die Geschwind hinterlassen hatte, im Rosar der Frau Gräfin Chotek eine würdige Heimstätte gefunden hätten. Nun war natürlich meine Vorstellung von dem "Rosenfelde" eine ganz andere, und ich ärgerte mich,
daß die Möglichkeit, das berühmte Rosar zu besichtigen, für mich auf ferne Zeit verschoben sei.
Als der Friedensschluß da war, da faßte ich Mut und schrieb an die berührnte Rosenfreundin, wo ich sie bat, ihr Rosar besichtigen zu dürfen. Ich erhielt schnell eine Antwort und halte den Brief hoch in Ehren. Die Besichtigung wurde mir mit größtem Entgegenkommen gewährt, und ich beschloß, der Einladung im Frühjahr 1920 Folge zu leisten, wobei der Aufenthalt in Pöstyen, das zirka 30 km von Türmau entfernt ist, die Möglichkeit erleichterte. Ich schrieb von Pöstyen aus
zwei Briefe, die unbeantwortet blieben, weil die Gräfin verreist war und meine Briefe sie nicht erreichen konnten. Mitte Juli kam eine Antwort, ich solle nur kommen, schrieb sie, "doch leider ist die Rosenblüte so gut wie vorüber, und ich kann Ihnen nur an Holz und Blatt die Rosen zeigen.
Jedenfalls sind Sie aber stets willkommen als lieber Freund der Rosen".
 
 
Am 24. Juli fuhr ich nach Türmau, von wo mich der Wagen der Frau Gräfin in das Zauberreich der Rosen entführte. Meinen Aufenthalt bei der berühmten Rosenfreundin will ich als ein wahrheitsggetreuer Berichterstatter erzählen. Wenn vielleicht hie und da bei der Beschreibung des Rosars und seiner Anordnung mir Fehler unterlaufen sollten, so wird mir sicherlich Frau Gräfin Chotek verzeihen, ebenso der Leser. Ich will nur das berichten, was die Rosarinhaberin charakterisiert und das Rosar skizzenhaft entwerfen und bin überzeugt, daß alle Rosenfreunde, die nicht das Glück hatten, diese edle Dame persönlich kennenzulernen, auf ihre ungarische Rosenfreundin und ihr Rosar stolz sein werden. Wir brauchen keinen Gravereaux, wir haben ihn: Frau Gräfin Maria Henriette Chotek.

Mitten im alten Park, in dem auch das Stammschloß der ungarischen Choteks gebaut ist, liegt das Wohnhaus der Rosenfreundin. Der Empfang war sehr herzlich, als ob mich die würdevolle Dame schon Jahre gekannt hätte. Ich wurde in die Bauernstube geführt. Eine wirkliche Bauernstube, doch die Möbel, Bilder, Krüge, alles Antiquitäten, deren Verständnis mir leider abgeht; nur das eine bemerkte ich, daß alles mit größter Fachkenntnis und Fleiß gesammelt wurde und daß die Besitzerin dieser Schätze alles geschmackvoll und mit tiefem Verständnis so angeordnet hatte, um nicht dem Beschauer sich aufzudrängen, eine Wahrnehmung, die ich auch in dem Gastzimmer und Studierzimmer der Frau Gräfin bestätigt fand. Im Rosar war die Anordnung ebenfalls in diesem Sinne gehalten. Überall die Einfachheit, Sachkenntnis mit Liebe gepaart. So ist auch die Gastgeberin. Einfach, liebevoll ihrer ganzen Umgebung gegenüber, ihr frommes, edles Tun scheint auf die ganze Umgebung zu wirken.
 
 
Nun etwas über die Rosen der Frau Gräfin. Ich benutze dabei vielfach die Mitteilungen der Gräfin, weil einerseits die Blütezeit größtenteils vorbei war, andererseits weil das Rosar infolge des Krieges sehr gelitten hatte und die politischen Verhältnisse es der Gräfin noch nicht erlaubt haben, das Rosar, dessen Herstellung heute nicht nur selbstlose Liebe, sondern auch sehr viel Geld beansprucht, in Ordnung zu bringen. Raritäten, die während des Krieges zugrunde gingen, sind nach Meinung der Besitzerin unersetzbar, zumal da Frankreich und deren Bewohner, Gravereaux nicht ausgeschlossen, uns noch immer mit scheeIen Augen anschauen, und es werden Jahre vergehen, bevor es gelingen wird,
z. B. die Sammlung der Rosen, die zur Zeit der Kaiserin Josefine im Garten von Malmalson waren, wieder herzustellen und die Frau Gräfin von Herrn Gravereaux im Tauschweg fast ganz erhalten hatte.
Ich bemerkte, daß unbedingt ein verständiger Gärtner notwendig sei, um diese Riesenarbeit zu leisten, worauf die Gräfin resolut antwortete: "Ich brauche keinen Gärtner, Gärtner bin ich, ich brauche nur verläßliche Hilfsarbeiter." Es stimmt ja, Frau Gräfin ist eine tüchtige Botanikerin, sehr tüchtige Gärtnerin, hatte die tüchtigen deutschen Rosenzüchter zu Lehrern, aber nach meiner Ansicht hat der Mensch nur zwei Hände. Und wenn ich daran denke, daß nach den Auseinandersetzungen und Plänen der Frau Gräfin das Verkaufsrosar, dem ich weiter auch einige Worte widmen will, die Kosten des Rosars bestreiten soll, so ist dies bei den vielen Pflichten, die Frau Gräfin freiwillig zu leisten hat, fast eine Unmöglichkeit. Doch will ich hoffen, daß es der unermüdlichen Rosenfreundin gelingen wird, das Rosar für sich und für die Menschheit zu retten.
 
 
 Nr 301 Catherine Kermel, Guillot Fils, 1870
 
Ins Rosar begleitete mich die Gräfin selbst und erklärte alles, was ihr erklärungswürdig erschien. So viel Neues und Wissenswertes "hagelte" in den zwei Stunden, so lange wir im Rosar verweilten, über mich, daß ich am Ende nichts mehr vom Anfang wußte. Erst am nächsten Tag, als ich allein alles übersehen konnte, machte ich mir flüchtige Notizen und konnte das verarbeiten, was ich gehört hatte. Hie und da waren einige Rosen in Blüte, die sich verspätet hatten denn von den Remontant, Tee und Teehybridrosen, die bis zum Jahre 1914 sozusagen vollständig waren, sind nur traurige Überreste vorhanden. mir eiserne Stäbe mit eingebrannten Porzellanschildern zeigen den ehemaligen Standplatz an und kommt bei der großen Menge der nicht mehr im Leben befindlichen einem gefühlvollen Rosenfreund wie eine Begräbnisstätte der gefallenen Helden vor. Dafür entschädigten den Beschauer die vielen Lauben, Bogen und Säulen, die mit Kletterrosen und Halbkletterrosen übersponnen sind, ebenso die vielen Tausende Wildrosen und ihre Kreuzungen, die den Weltkrieg sehr gut überdauert haben. Schon vor dem Wohnhaus der Gräfin ist eine wilde Hecke von Rubiginosa, ihres Lehrers Böttner 'Fragezeichen', über die die Gräfin nur das Beste berichten konnte. Sie gehört zu ihren Lieblingen. Die Einteilung des Rosars, das auf der einen Seite an die Dorfstraße herannaht, ist so getroffen, daß die vielen Wege durch Lauben und Bogen erkenntlich sind und daß auf dem einen Weg rosa, anderswo weiße, anderswo purpurrote Rankrosen vorherrschen. Die Rabatten dazwischen sind mit Polyanthen besetzt, deren Farbe entsprechend abgestuft ist. Vor und hinter den Rabatten sind niedrige Teehybriden und Remontanten gesetzt im Rasen. Den Flächeninhalt schätze ich auf 2 1/2-3 ha. In Blüte sah ich das Rosar nicht, doch hat mich die Frau Gräfin dadurch entschädigt, daß sie mir Farbaufnahmen vom Mai, Juni 1914, also wo das Rosar seine größte Farbenpracht entfaltete, zeigte. Jedes Bild war ein anderer Weg oder ein Teil eines solchen Weges, überall ein Blütenmeer, wobei sie mir die einzelnen Sorten als gut oder minder gut begutachtete. Frau Gräfin kennt den Stand einer jeden Rose, ob Park oder Schlingrose, kennt genau den botanischen Ursprung, und die Porzellantafeln scheinen nur für den Besucher zu sein. Besonders fesselte mich die Gruppe der Geschwind'schen Züchtungen, ein Urwald von Parkrosen von 2-3 m Höhe, und sie ist vielleicht die wertvollste Gruppe. Als Bild sah ich sie. Ein Blütenmeer von meistens dicht gefüllten Rosen, mit dem lieblichsten Duft, wie die Erklärerin hinzufügte; ich hatte sogar das Glück, Sämling Nr. 1, Nr. 4 in Blüte zu sehen, wirkliche Prachtrosen. Die Liebhaberin wählte die Bezeichnung Sämling 1, 2 etc., und es sind, glaube ich, ca. 300 Züchtungen da. Ich will hoffen, daß die Frau
Gräfin auch ihr Wort hält und diese schönen Züchtungen der Öffentlichkeit übergibt. Auch sah ich eine Lambert'sche Züchtung, die im Jahre 1914 der Inhaberin zur Beobachtung gegeben wurde. Es ist eine Kreuzung mit 'Gottfried Keller' (Knospe gelbrot gestreift) von sehr schöner reingelber Farbe, gefüllt, öfters blühend, ein Typus der Luteahybriden, die Blätter sind gesund. Den Krieg hatte die Rose ohne Pflege sehr gut überdauert. Es wäre wünschenswert, wenn P. Lambert mit dieser prächtigen Luteahybride die Öffentlichkeit erfreute, wenn er es bis jetzt unterlassen haben sollte. Die Wege des Rosars sind auf eine prächtige, aus blendend weißem Marmor verfertigte Mariensäule gerichtet, ein Kunstwerk eines Düsseldorfer Bildhauers.
 
 Der Haupteingang und alle Wege sind, wie ich erwähnte, durch Schlinger und Halbschlinger bepflanzt: Setigera, Sempervirens, Alpina, dazwischen als Halbschlinger Bourbonhybriden, Noisettebourbon; einen anderen Weg zieren alle Rubiginosa-Hybriden als Schlinger, Rosa Gallica-Hybriden sind Zwischenpflanzungen. Ein Gang enthält größtenteils die schöne 'Wichuraiana', dann die öfters blühenden Halbschlinger von Lambert, vor der Mariensäule die schöne Schlingrose 'Virago' (Geschwind). Ich müßte viel erzählen, um die unzähligen botanischen Sorten, die sozusagen in vollständiger Sammlung dort sind, und ihre Hybriden aufzuzählen. Es sind darunter sehr viele Raritäten, die die Frau Gräfin in Frankreich und England gefunden und bestimmt hat. Meine Zeit war zu kurz, um all die jedem Liebhaber in 1-2 Sorten bekannten Carolina, Pimpinellifolia, Sericea, Cinnamomea aufzuzählen.
Gegen die Straße zu ist ein Wald von Rugosa-Hybriden, die ich teilweise in Blüte sehen konnte.
Wie ich bemerkte, hat die Gräfin die größte Vorliebe für Schlingrosen und RosaGallicaHybriden, ebenso liebt sie alle Halbschlinger und ist stolz auf ihre vollständige Sammlung von Bourbon- und Noisette-Hybriden. Ich habe mir einige ihrer Lieblinge vorgemerkt, wobei 'Fragezeichen', 'Jean Guichard', 'Adrian Reverchon' an erster Stelle zu erwähnen sind. Kieses 'Lisbeth von Kamecke'
lobt sie sehr. Wir sprachen über den deutschen Züchterfleiß, wobei ich einige neueste Züchtungen warm empfehlen konnte. Dies war der einzige Punkt, wo ich der werten Gastgeberin Ratschläge erteilen konnte, da sie eingerückt war als Oberschwester und bei der großen Verantwortung natürlich ihre Rosenliebhaberei zurücktreten mußte. Sonst kam ich mir mit meinen botanischen Kenntnissen, auf die ich vor meinem Besuche so stolz war, wie ein Anfänger vor. Ich könnte noch vieles erzählen, fürchte aber die lieben Leser zu ermüden. Ich wünsche einem jeden eifrigen Rosenfreund die Gelegenheit, die edle Rosenfreundin und ihr klassisches Rosar kennenzulernen: Seine Liebe zu den Rosen wird sich vertiefen, und er wird bis zu seinem Lebensende den Besuch nicht vergessen und der Gräfin in Gedanken immer Dank zollen, wie ich es tue.
 
 Über das Verkaufsrosar will ich noch ein paar Worte verlieren. Die Rosen, die dort gepflanzt sind, sind dankbare Schnittrosen; meistens Teehybriden und will die Besitzerin dasselbe erweitern, um aus dem Erlöse dieses Rosars die ungeheuren Kosten des Rosars zu decken, was mir lobenswert erscheint. Die Anlagen sollen nach einigen Jahren (4-5 Jahren) erneuert werden, indem nach Entfernung der Rosen gut gedüngt, dann Kartoffeln gebaut werden. Das Jahr darauf soll eine Gründüng mit Erbsen oder Bohnen stattfinden und im Herbst das ganze Gelände rigolt werden. Dadurch will auch die Besitzerin der berüchtigten Rosen- Bodenmüdigkeit vorbeugen. Ich wollte mir einige Photographien vom Rosar von der werten Gastgeberin zur Erinnerung ausbitten und hätte gerne dem Leser die Pracht durch Reproduktion vor Augen geführt. Leider hat die Gräfin nur von jeder Aufnahme ein Exemplar und mußte meine Bitte abschlagen. Aber ich glaube, daß es dem Herrn Gartendirektor Ries, als Vertreter des Rosenvereins, gelingen würde, die Gräfin zur leihweisen Überlassung einiger Aufnahmen aus dem Rosar zu bewegen, um dem Leser der Rosenzeitung das Rosar der edlen Rosenfreundin zu zeigen, wofür dem Herrn Ries alle Leser der Rosenzeitung danken würden. (Die Rosenzeitung brachte 2 Aufnahmen aus diesem Rosar.)  
 Es war für die 60jährige Gräfin, besonders unter den veränderten Verhältnissen, nicht leicht, ihr Rosarium wiederaufzubauen, und trotzdem vergaß sie ihre deutschen Rosenfreunde nicht, als der VDR und das Rosarium Sangerhausen durch die Inflation vor dem Ruin standen (RZ 1922, 10). Für das Rosar hat mir Gräfin M. H. Chotek in Dolna Krupa (Tschechoslowakei) 300 Mark überwiesen und dabei den Wunsch ausgesprochen, daß folgende Notiz in die Rosenzeitung aufgenommen werden möge: 'Wenn jedes von uns nur ein bißchen etwas gäbe, wie es in so schöner Weise bei der Generalversammlung geschah, so wäre jedes Jahr ein hübsches 'Übersümmlein' beisammen, mit dem schon geholfen wäre. Wir dürfen doch unsere tapferen Freunde, die an der Spitze des Vereinsrosars und des Vereins stehen, nicht in der Patsche stecken lassen. Ihre Sache ist unsere Sache, der wir alle mit der gleichen Begeisterung dienen!"  
 Ihr lag nicht nur der VDR am Herzen, sondern sie griff auch für verkannte Rosenzüchtungen zur
Feder (RZ 1923, 50).
 
   
 Auf die Seite 5  
   
ARTICLES